Ein ganz besonderes Vorstellungsgespräch: Das Telefonkonferenz-Telefoninterview

Das Telefonkonferenz-Telefoninterview – ein ganz besonderes Vorstellungsgespräch

Ich arbeite schon seit einigen Jahren als Coach. Meine Schwerpunkte sind berufliches Coaching und Bewerbungscoaching. Eigentlich war ich bis kürzlich der Meinung, dass ich schon alle Varianten eines Vorstellungsgespräches kenne; teilweise selbst erlebt oder durchgeführt oder durch Schilderungen Dritter.

Neulich hatte ich wieder einen Klienten mit akademischem Hintergrund im Bewerbungscoaching, der mich durch seine Schilderungen zum Staunen brachte. Er selbst hatte sich bei einem großen europäischen Konzern am deutschen Stammsitz beworben und wurde von der Personalabteilung des Konzerns zu einem ersten Telefoninterview eingeladen.
Solche Telefoninterviews kennen bestimmt die meisten, die sich schon einmal in der Industrie beworben haben. Man sitzt gebannt an seinem Festnetztelefon oder Handy, hofft auf guten Empfang und eine gute Sprachqualität, und wartet mit feuchter Hand auf das Klingeln. Üblicherweise meldet sich dann eine Person aus der Personalabteilung und stellt diverse typische Fragen, die man auch aus Präsenz-Interviews kennt. Handelt es sich um einen internationalen Job, so wird auch zwischendurch die Sprache für einige Minuten gewechselt (in der Regel Englisch), um den Kandidaten auf dessen Sprachkenntnisse zu überprüfen.
Dieser Ablauf ist üblich, die meisten Leser kennen diesen Ablauf.

Mein Klient hat dagegen Folgendes erlebt:
Auch er saß an seinem Telefon und wartete. Das Telefon klingelte, es wurde eine Nummer aus der deutschen Zentrale angezeigt. Das Gespräch startete. Die Qualität war schlecht, er musste mehrfach nachhaken, um die Fragen zu verstehen. Plötzlich kamen Fragen von weiteren Personen unverhofft aus dem Hintergrund in noch schlechterer Qualität. Mein Klient musste feststellen, dass er mit einem ganzen Besprechungsraum voll von Leuten verbunden war, die in der Mitte des Tisches das kleine Kästchen stehen hatten, das für Telefonkonferenzen verwendet wird. Die Leute redeten durcheinander und unterbrachen sich gegenseitig bei ihren Fragen an den Bewerber. Nach kurzer Zeit wechselte der Hauptgesprächspartner meines Klienten die Sprache. Kein Problem, dachte mein Klient, sie testen mich jetzt kurz auf meine Englischkenntnisse und wechseln dann wieder ins Deutsche. Denn schließlich waren alle Personen im Besprechungsraum am anderen Ende der Leitung „German native speaker“. Weit gefehlt, das Englische blieb, und so fanden die restlichen 90% des Gespräches unter lauter Deutschen auf Englisch statt.
Immerhin, mein Klient hatte Glück im Unglück. Eigentlich sollte noch eine Mitarbeiterin eines anderen Standorts mit in das Telefonkonferenz-Telefoninterview zugeschaltet werden. Aber diese war leider erkrankt.

Einen Tag später bekam mein Klient einen Anruf aus der Personalabteilung und erhielt eine Absage. Als direktes Feedback und Grund für die Absage wurde genannt, dass der Klient nicht ausreichend genau auf die verschiedenen Fragen der Teilnehmer eingegangen war.

Eigentlich bringt mich kaum noch eine Geschichte aus meiner Praxis als Coach zum Staunen und Wundern. Diese schon. Ich fragte meinen Klienten, ob er nach dieser Erfahrung und Kostprobe der Unternehmenskultur des Konzerns wirklich noch Lust hätte, eine Stelle in diesem Unternehmen anzunehmen. Die Antwort erübrigt sich.

[important]Es ist eine ungebremste Entwicklung, dass sich Unternehmen immer neue Methoden und Verfahren überlegen, um ihre Bewerber zu testen. Diese Entwicklung ist meilenweit von Wertschätzung gegenüber potentieller Mitarbeiter entfernt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass den Vertretern dieser Unternehmen nicht bewusst ist, dass auch das Bewerbungsmanagement und der Umgang mit Bewerbern eine Schnittstelle nach außen ist. Es gibt also nicht nur die Schnittstelle zum Kunden, die für ein positives Image sorgen sollte.[/important]

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